Blick in die Zukunft

Als ich mich heute morgen durch die Links auf fefe geklickt habe, dachte ich schon, dass das kein guter Tag für Nachrichten ist. Entweder ich muss aufhören, Nachrichten zu lesen oder ich brauche in Zukunft Blutdrucksenker. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen:

  • Union will Karlsruhe Kompetenz für Wahlrecht wegnehmen
  • Nachdem das Wahlrecht vom Verfassungsgericht erst für verfassungswiedrig erklärt wurde und dann die neuen (erst nach Ablauf der ursprünglichen Frist eingereichten) Vorschläge zwei mal in Karlsruhe gescheitert sind, will man sich also jetzt offensichtlich überhaupt nicht mehr mit dem Gericht oder der Grundgesetzkonformität unseres Wahlrechts herumschlagen. Die von uns gewählten Vertreter wollen dann wohl doch lieber selbst bestimmen, wie wir sie wählen dürfen.

  • Rückfall in mittelalterliche Forschungsethik
  • Der erste Satz sagt alles. Ethische Bedenken spielen für die EU bei Versuchen an Menschen also keine Rolle mehr. Da hat die medizinische Forschung wohl von ’33 bis ’45 viele gute Ergebnisse geliefert.

  • EU will alle Internetdaten filtern
  • Cecilia Malmström mal wieder, diesmal mit dem Namen “Clean IT”. Es sind die immergleichen Forderungen mit den erwarteten Ergebnissen: Die Erringung der Kontrolle und die Zensur des Internets unter dem Vorwand von X 1. Die Freiheit (oder eher das Recht) der Bürger, sich ihre Informationen ungefiltert selbst zu beschaffen, scheint eine echte Bedrohung für unsere EU-Politiker.

Der Grund, warum ich das hier schreibe ist, dass diese letzte Nachricht in einem Forum aufgegriffen wurde, das ich regelmäßig besuche. Daraus entstand die Frage, was wir von der Zukunft eigentlich erwarten. Herrscht eher ein optimistischer oder ein pessimistischer Blick? Für neue Technologien gibt es einige interessante Vorhersagen, aber wie wird sich das soziale, gesellschaftliche und politische Leben entwickeln? Und wenn man das weiter denkt, muss man auch die Frage stellen, ob unsere “demokratische Grundordnung” überhaupt noch ein valides Modell ist.

Ich kann für mich festhalten, dass ich sehr schwarz in die Zukunft blicke und wenn ich nach den Antworten in besagtem Forum gehe, bin ich dabei nicht der Einzige. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist für mich zwar nach wie vor das richtige Modell (und ich denke nachdem die Demokratie den Deutschen aufgezwungen werden musste, ist das bei uns sehr gut umgesetzt worden), aber aktuell wird dieses System völlig korrumpiert durch Lobbyismus und Machtpolitik.

Die Entwicklungen, die ich persönlich (absolut subjektiv) in den letzten Jahren mitbekommen habe, sind:

 

Schärfere Trennung zwischen Arm und Reich

Der Vermögensbericht von September 2012 spricht Bände. Das gilt natürlich nicht nur für Deutschland. Ich zitiere dazu gerne Warren Buffett, den zur Zeit drittreichsten Mann der Welt:

“There’s class warfare, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.”

Warren Buffett, 2006

 

Künstlicher Bildungsentzug für die Unterschicht

Vielleicht hätte ich das auch einfach “Verdummung” nennen sollen. Es geht darum, dass Bildung langsam aber sicher nur noch einigen Priviligierten zugänglich gemacht wird. Das ist ein Punkt, der ein wenig paranoid klingen mag, aber für mich fängt das an mit der Einführung von Studiengebühren bis hin zu Stilblüten wie den standardisierten Tests aus den USA, wo Lehrer danach bewertet werden sollen, wie viele Schüler besagte Prüfungen bestehen. Das benachteiligt natürlich (wer hätte es gedacht?) Lehrer in schwierigen Umgebungen zusätzlich und sorgt schlußendlich dafür, dass alle, die nicht zur Gruppe der WASPs gehören, keine Chancen haben, aus ihrer Unterschicht herauszukommen.

Georg Schramm hat das in einem seiner Kabarettprogramme sogar einmal als Absicht bezeichnet, um eine dumme Masse an Konsumenten zu züchten, die die Industrie zum Ausbeuten benötigt. Ich halte das mittlerweile für recht plausibel.

 

Schüren von Ängsten in der Bevölkerung

Terrorismus, Einwanderung, Finanzkrisen, der Islam… Nichts ist besser dazu geeignet, unliebsame Gesetze zu erlassen, die Unterstützung der Masse zu erhalten oder um das Volk einfach von Wichtigerem abzulenken als eine gehörige Portion irrationaler Angst. Irrational deswegen, weil diese scheinbaren Bedrohungen immer als absolut angepriesen und nie in in Perspektive gesetzt werden.

Beispiel Terrorismus:
Glaubt man den Statistiken hatten wir 2010 in ganz Europa 704 Tote durch Terroranschläge. Glaubt man der Financial Times, hatten wir 2012 alleine in Deutschland 1800 Tote durch Ärztefehler. Da explodiert nur leider nichts und damit verkauft sich das nicht so gut.

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden. Terrorismus ist völlige Idiotie und die Opfer und deren Angehörige haben mein vollstes Mitgefühl. Aber das darf doch kein Grund für völlig unverhältismäßige Maßnahmen sein, die das eigene Volk mehr beeinträchtigen als jeden Terroristen – besonders, wenn es daneben sogar deutlich wahrscheinlichere und unmittelbarere Gefahren gibt, vor denen sich niemand auch nur im Geringsten fürchtet 2. Auch für solche Fälle habe ich da eines meiner Lieblingszitate parat:

Es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. […] Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr.

Hermann Göring, 1946

 

Entwickeln einer neuen Sprache

George Orwell stellte sich für seine dystopische Zukunftsvision 1984 3 vor, dass das Regime eine neue Sprache entwickeln würde: Newspeak. Diese Sprache wurde durch strikte Definition und vor allem durch das Herausnehmen von Worten so verändert, dass es nicht mehr möglich ist, Meinungen oder gar Gedanken zu formulieren, die nicht regimekonform sind.

Spinnerei, die uns nicht betrifft? Ich empfehle einen Blick auf den Blog neusprech.org (hier z.B. mal das Unwort des Jahres 2010). Sprache wird in der Tat von der Politik bewusst eingesetzt, Worte werden bewusst durch Euphemismen ersetzt, unliebsame Ausdrücke vermieden. Auch die allgemein bekannte “Political Correctness” fällt teilweise unter diesen Punkt.

 

Zensur und Überwachung

Ich habe mich schon ein paar mal darüber ausgelassen, glaube ich, aber meiner subjektiven Erfahrung nach, haben die Vorstösse in Sachen Zensur und Kontrolle in den letzten Jahren deutlich zugenommen – oft mit dem Fokus auf dem Internet. Verständlich, denn das Internet ist neu, mächtig und wirft einige der alteingesessenen Strukturen über den Haufen. Erstmals in der Geschichte des Kommunikationsmodells wird z.B. das traditionelle Angebotsoligopol der Medien durchbrochen und jeder Teilnehmer wird zum potentiellen Sender. Ich glaube tatsächlich, dass zukünftige Generationen (sofern sie es dürfen) die Entwicklung durch das Internet genauso lernen werden, wie Schüler heute die Eisenbahn als Auslöser der Industriellen Revolution lernen. Der Begriff “Revolution” kommt dabei nicht von ungefähr.

Allerdings versuchen die alte Industrie, die alten Medien, die alten wirtschaftlichen Machthaber mit Hilfe der Politik dieses neue Ding unter Kontrolle zu bringen. Wir reden vom sog. Zugangserschwerungsgesetz, von SOPA oder ACTA oder jetzt von diesem unsäglichen Clean IT. Aber wir reden auch vom Fingerabrduck im Personalausweis 4, von der Überwachung von Millionen von Mobiltelefonen 5 oder vom desaströsen Staatstrojaner.

Während die einen Initiativen auf Kontrolle, Zensur und Schutz bestehender Systeme zielen, soll mit den anderen Maßnahmen vor allem die Überwachung und damit die Möglichkeit der Manipulation gefordert werden. Mit dem Fingerabdruck im Personalausweis und dem Bundestrojaner wäre es z.B. ohne größere Probleme möglich, einem Bürger mit gefälschten Beweisen ein Verbrechen anzuhängen.

Eine dritte Art der Einflussnahme ist die Konditionierung. Hier sind wir wieder bei 1984 und den bekannten Fernsehgeräten, die den Besitzer nicht nur rund um die Uhr beobachten, sondern auch ständig Propaganda-Nachrichten senden. Mit dem Aufstellen von Monitoren mit Videonachrichten in Einkaufszentren und Hotels kommt die Homeland Security in den USA dieser Vorstellung schon ziemlich nahe.

 

Außerdem…

Das sind also so meine Eindrücke der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung der letzten Jahre. Dabei habe ich solche Sachen wie die globale Erwärmung, den vermutlich unausweichlichen Kampf um Resourcen, die systematische Rücknahme von Menschenrechten in China und den USA (was aber niemanden zu interessieren scheint) oder die stärker werdenden religösen Konflikte (incl. dem stärker werdenden christlichen Fundamentalismus 6) einfach außen vor gelassen.

 

Hoffnung?

Hoffnung ist noch vorhanden, aber wenig. Ich habe bereits beschrieben, wie stark ich den Einfluss des Internets auf die Gesellschaft einschätze und wie es auch dazu beigetragen hat, eine Art Protestkultur zu schaffen. Der “Protester” war nicht umsonst “Person of the Year 2011” im bekannten Times Magazine. Zumindest wurden bis jetzt alle Versuche verhindert, das Internet zu zensieren. Abseits vom Netz tut sich da aber noch sehr wenig. Zu wenig.

Insgesamt möchte ich es mit meinem persönlichen Ausblick für die Zukunft daher mit Erwin Pelzig halten, der in einer der Sendungen von Neues aus der Anstalt gesagt hat:

Wenn ich Optimist wäre, würde ich an den Weltuntergang glauben.

— Erwin Pelzig

 

Nachdem ich das alles geschrieben habe, möchte ich noch eines zu bedenken geben: Deutsche sind im Allgemeinen bekannt dafür, auf hohem Niveau zu jammern.

 

Go Mayas,

 

/tehK

 

Notes:

  1. meistens Kinderpornographie
  2. Ich hätte z.B. auch Unfalltote durch Alkohol oder überarbeitete/übermüdete LKW-Fahrer nennen können
  3. das ich übrigens als absolute Pflichtlektüre ansehe. Das muss jeder gelesen haben
  4. den wir lustigerweise schon mal hatten: Ab 1939
  5. mit der Wahnsinns-Ausbeute von 302 Verfahren
  6. siehe Kreationismus, was mittlerweile in einigen Schulen der USA gelehrt werden muss