Vive la Résistance! Vive l’internet! – Teil 2

 Posted by on Januar 2, 2012 at 19:56  Zeitgeschehen
Jan 022012
 

 

Teil 1 hatte ich mit einem Zitat aus Stéphan Hessels Streitschrift “Empört euch” beendet:

 

Wir rufen auf, zu “einem wirklichen, friedlichen Aufstand gegen die Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massenkonsum. 1

 

Und hier stört mich ein Wort: “Massenkommunikationsmittel”. Ohne den französischen Originaltext zu kennen, gefällt mir der Ausdruck an der Stelle nicht. Falls damit die Massenmedien gemeint sind, die versuchen, uns mit Boulevardzeitungen und Trash-TV zu verdummen und auf stumpfsinnigen Konsum zu konditionieren, hat der Mann meine uneingeschränkte Zustimmung.

Allerdings fällt unter “Massenkommunikationsmittel” auch das Internet und das funktioniert glücklicherweise anders. Das klassische Sender-Empfänger-Modell der traditionellen Medien mit wenigen Sendern und vielen Empfängern gilt hier nicht mehr. Zum ersten Mal in der Geschichte ist jeder Teilnehmer ein potentieller Sender, was das Internet sogar zum demokratischsten Medium macht. Theoretisch. Wenn es wirklich nicht beschränkt wird.

Wieso Hessel hier also zu einem Aufstand gegen dieses Massenkommunikationsmittel aufrufen sollte, verstehe ich nicht. Im Gegenteil möchte ich viel mehr dazu aufrufen, das Internet zu schützen und für ein freies, neutrales Internet einzutreten!

Wie wichtig nämlich ein freies Internet geworden ist, sieht man am Besten daran, wie Regierungen überall auf der Welt versuchen, das Netz unter Kontrolle zu bringen (auf die Gründe, warum sie das tun, will ich gar nicht erst eingehen):

  • Immer wieder wird versucht, Sperrlisten einzuführen. Nicht nur von unserer Zensursula, sondern auch in anderen Ländern oder europaweit durch Cecilia Malmström.

    Das Argument ist immer dasselbe: “Die armen Kinder”. Die Auswirkungen auch: Keine Hilfe für die Kinder, aber eine Zensurinfrastruktur im Netz und die Kriminalisierung einer Generation.

  • Die erste Reaktion von Libyen auf die Proteste von Ägypten: Internet abschalten!
  • Three-Strikes Gesetze, wie das französische Hadopi versuchen, Bürger einzeln vom Netz auszuschließen.
  • WikiLeaks wird nach der Veröffentlichung von brisantem Geheimmaterial (also das, was wir eigentlich von unserer “freien Presse” erwarten) massiv unter Druck gesetzt. Auf Geheiß der US Regierung stoppen z.B. PayPal und Visa Zahlungen an WikiLeaks.
  • Die Nato stuft Anonymous offiziell als Gefahr ein und rüstet für den Cyberwar. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die Nato erklärt quasi Anonymous den Krieg. Das Internet wurde dabei auch offiziell zum fünften Schlachtfeld erklärt; neben Luft, Land, Wasser und Weltall.

Der letzte und aktuelle Schuß in diese Richtung ist das SOPA Gesetz in den USA. Was da im Detail geplant ist, kann man sehr schön auf techdirt.com nachlesen. Kurzfassung: Sie wollen Internetseiten sperren, die gegen das (US) Copyright-Gesetz verstoßen. Nur nehmen sie jetzt auch Anbieter in die Pflicht. Einfach gesagt: Wird das Gesetz so verabschiedet, müssten aller Voraussicht nach Seiten wie Youtube oder Facebook wohl schließen.

Aber das Netz steht nicht still. Ganz im Gegenteil!
Die Veröffentlichungen von WikiLeaks, die Angriffe von Anonymous, die Nutzung von Facebook und Twitter als Kommunikationsmittel zur Organisation von Protesten und Demonstrationen (Ägypten, Spanien), der Auftakt zur Occupy-Bewegung… im Internet herrscht ordentlich Alarm! Das muss klar werden. Das Netz wehrt sich!

Und auch im SOPA-Fall kann schon einen Erfolg verbucht werden: Massive Proteste wurden gegen gegen GoDaddy (immerhin angeblich der weltgrößte Domainregistrar) gestartet und auch die großen Spielefirmen haben auf Druck aus dem Netz ihre Unterstützung zurückgezogen.

 

Ye cannae take oor internet!

 

Man darf eines nicht falsch verstehen: Das Internet ist nicht der Grund für die vielen Proteste des letzten Jahres 2. Die tatsächlichen Gründe liegen im Politischen, im Sozialen oder im Wirtschaftlichen (meist in einer Kombination). Wie neunetz.com sehr richtig ausführt, ist das Internet aber ein “Verstärker (…) sozialer Interaktion”, ein Katalysator, der zum Ausbruch der Proteste beiträgt. Kein Medium überliefert Informationen schneller als das Netz und das ist dann genau der Zündfunke, den es braucht, um Menschen auf die Straßen zu schicken.

Darum brauchen wir ein freies Internet: Als Kommunikations- und Informationsmittel! Hier kommen tatsächlich unabhängiger “Journalismus” und blitzschnelle Informationsverbreitung zusammen. Es verlangt zwar vom Leser etwas mehr Verstand beim Filtern der Masse an Informationen, aber dafür findet man hier reale Nachrichten.

Das Wichtigste dabei ist: Auch wenn man selbst nicht auf dem politischen Parkett steht und Stéphane Hessels Renommee hat, kann man das Netzt nutzen, um andere zu informieren. Man kann auf Missstände aufmerksam machen, Informationen finden, die uns unsere Regierungen vorenthalten wollen und sie verbreiten. Man kann sich empören und Widerstand leisten! Und das ist genau das, was Hessel wollte.

 

In diesem Sinne…

Haltet das Netz frei!

 

/tehK

 

Notes:

  1. Hessel, Stéphane: Empört euch! Ullstein Bucheverlage, 2011, S. 21
  2. Sogar das Time Magazine hat den “Protester” zur “Person of the Year” gekürt.

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