WikiLeaks gegen die Welt

Was momentan in und um WikiLeaks herum passiert, muss ich nicht aufzählen. Die Medien sind voll davon. Seit WikiLeaks damit begonnen hat, die US Depeschen offen zu legen, überschlagen sich die Nachrichten ja förmlich. In wie weit WikiLeaks dabei investigativen Journalismus betreibt, um Ungerechtigkeiten aufzudecken und Informationen frei verfügbar zu machen oder es sich doch eher um verurteilungswürdigen Datendiebstahl handelt, ist meiner Meinung nach nur schwer zu beantworten. Immerhin werden durch die neuen Informationen manch alte Lügen aufgedeckt, die natürlich Öl ins Feuer all derer gießen, die schon immer das Gefühl hatten, dass die Politiker uns Bürger nur belügen, um ihre Macht zu erhalten.

Für mich jedoch rückt die Frage nach den eigentlichen Informationen immer mehr in den Hintergrund. Viel angsteinflößender finde ich, was die Publikationen ausgelöst haben.

  • Der eigentlich aufgehobene Haftbefehl wird wieder aufgenommen
  • wikileaks.org wird vom Provider abgeschaltet
  • Amazon wirft WikiLeaks aus der Cloud
  • PayPal, MasterCard und Visa sperren Zahlungen an WikiLeaks und schließen Konten
  • Währenddessen helfen Piratenparteien und andere Hoster aus
  • Assange stellt sich der Polizei in London

Praktisch im Stundentakt kommen neue Meldungen rein, in denen irgendjemand pro oder contra WikiLeaks arbeitet. Wenn ich das alles so lese (also auch die ganzen “Schützt WikiLeaks”-Aufrufe), ruft sich mir immer öfter die Aussage von John Perry Barlow ins Gedächtnis:

The first serious infowar is now engaged. The field of battle is WikiLeaks.

Quelle

Zuerst hielt ich das für die übliche Polemik. Aber je öfter ich darüber nachdenke und je mehr sich die Neuigkeiten um Assange und WikiLeaks häufen, desto klarer wird mir, dass das nicht nur das bekannte, politische Geplänkel ist, wie man es auch bei früheren WikiLeaks-Veröffentlichungen gesehen hat. Jetzt werden schon deutlich härtere Bandagen ausgepackt.

Ganz offensichtlich wird also versucht, starken Druck auf WikiLeaks auszuüben und ihnen sowohl die Provider- als auch die Finanzbasis zu entziehen. Die Tatsache, dass Assange eine Vergewaltigung begangen haben soll kurz nachdem die Irak-Dokumente auf WikiLeaks standen, kommt da auch nicht ungelegen. Ungereimtheiten lassen mich aber zumindest erstmal zweifeln: Wieso wurde der Haftbefehl erst aufgehoben und jetzt plötzliche wieder in Kraft gesetzt? Was für neue Informationen sollen denn dazugekommen sein – man hat doch 2 Zeuginnen (deren Geschichten aber auch seltsam klingen)? Und wieso wird da mit Interpol gefahndet oder nicht auf Assange’s Angebote reagiert?

Ganz interessant (von einem aber fast verschwörungstheoretischem Standpunkt aus) finde ich das auch in dem Zusammenhang, dass das alles in einer Zeit passiert, in der Politkern häufig(er) Zensur vorgeworfen wird. Zwar ist die Piratenpartei bei Weitem (noch?) keine ernstzunehmende Macht hat, doch muss man zumindest (an)erkennen, dass in ganz Europa in kurzer Zeit Ableger der Piraten entstanden sind und durchaus großen Zulauf hatten. Zugegeben… wen wundert das, wenn uns solche glorreichen Stilblüten, wie das bekannte Kinterporno-Stopschild-Gesetz (bei dem auch gleich eine Rekordpetition übergangen und fast eine komplette Generation kriminalisiert wurde) vorgesetzt werden. Bei diesen offensichtlichen Fehlschüssen, aber auch durch bereits real gewordene Überwachungsmaßnahmen, wie dem neuen Personalausweis (dessen Steigerung wohl nur noch die direkte Chip-Implantation ist), fühlt man sich einfach immer öfter an die 1984 erinnert.

Möglicherweise ist auch das ein Grund, warum WikiLeaks von einem Großteil der Internetgemeinde so stark unterstützt und Assange fast frenetisch bejubelt wird. Ich bin mir sehr unsicher, wie die Sache um WikiLeaks ausgehen wird. Mittlerweile verfolge ich die Nachrichten um das Thema jedoch nicht nur mit der üblichen Spannung, sondern auch einer kleinen Portion Angst. Barlows Twitter-Mitteilung endete mit…

You are the troops.

…und ich befürchte, er könnte Recht haben.

 

In diesem Sinne:
Spread the Word!

 

/tehK

 

UPDATE:
Nachdem ich einen Post auf lawblog.de revidiere ich meinen ersten Absatz. Dort wird wirklich gut gezeigt, dass das Presserecht in Deutschland und auch die Urteile des Bundesgerichtshofes Veröffentlichungen wie die von WikiLeaks rechtfertigen und niemand befürchten muss, sich strafbar zu machen, wenn er WikiLeaks unterstützt – in Deutschland natürlich. In den United States of A wäre ich mir da nicht mehr so sicher

Der Aufruf WikiLeaks, die Seite auf möglichst vielen Rechnern gleichzeitig verfügbar zu machen, könnte als erste echte Mobilmachung auf der nichtstaatlichen Seite dieses Konflikts in die Geschichte eingehen.

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