Kickstarter & Kickstopper

 

Ja, Hurra. Alles redet über Kickstarter – warum also nicht auch ich?

Eigentlich ist das ja schon fast wieder ein alter Hut nachdem v.a. Tim Schafer und Brian Fargo einen richtigen Goldrausch verursacht hatten. Doch dann kam das ans Licht, was hoffnungsvolle Optimisten nicht hoffen wollten und die Pessimisten unter uns schon immer befürchtet hatten: Teams, die nicht mit Geld umgehen können und tatsächliche Betrüger, die auf den Zug aufspringen wollen.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich gehöre zu den Optimisten und tatsächlich sehe ich oft den Grund für die Aufregung nicht. In vielen Fällen scheinen die Kritiker einfach von falschen Voraussetzungen auszugehen. Grundsätzlich muss man zwei einfache Punkte festhalten:

 

  1. Du bist kein Investor
  2. Das Projekt muss nicht gelingen

 

Auch, wenn man vielleicht in den Credits stehen wird, ist man nur ein “Geldgeber”. Investoren erwarten für ihren Einsatz Gewinn und sichern sich unter Umständen auch ein gewisses Mitspracherecht. Für “Backer” gibt’s weder das eine noch das andere. Sie erhalten im besten Fall ein tolles Produkt, ein paar zusätzliche Goodies und sie dürfen sich ein moralisches +1 auf ihr Facebook-Profil schreiben. Im schlechtesten Fall tritt Punkt 2 in Kraft. Es gibt (speziell in der IT) sehr viele Projekte, die vorzeitig abgebrochen werden. Bei Spielen ist es nicht anders. Insbesondere bei Kickstarter besteht die Chance, dass ein unerfahrenes Team mit bestem Vorsatz an mangelnder Erfahrung scheitert und früher oder später wird das passieren. Selbst wenn das Projekt gelingt, ist die tatsächliche Qualität des Produkts noch eine ganz andere Frage.

Ein Beispiel für Unerfahrenheit ist Starcommand. Penny Arcade hat ein einem Artikel ein Update des Entwicklerteams aufgegriffen und mit Hilfe eines professionellen Investors die Fehler aufgezeigt. Allerdings verstehe ich die Absicht des Artikels nicht ganz. Ja, Geld in ein Kickstarter-Projekt zu stecken ist ein Risiko und unter Umständen gelingt das nicht. Und ja, das Risiko ist bei Unerfahrenen Teams größer als bei Branchenveteranen á la Schafer und Fargo. Diese Einsicht gehört aber zu den Grundüberlegungen, die jeder vor seiner Spende machen muss. Nur ist das eigentlich nichts Neues und ich bin mir noch nicht sicher, warum das die “ugly side of Kickstarter” ist.

Der Artikel schafft es leider nicht, darauf einzugehen, dass das Risiko zusätzlich stark vom Grund des Kickstarters abhängt. Nekro z.B. war schon in einem Pre-Alpha Status und jetzt fehlte das Geld, um das Spiel auch fertig zu stellen. Bei Ravaged war das eigentliche Spiel sogar schon fertig und durch Kickstarter sollten jetzt Marketing und Publishing finanziert werden. Das Risiko, dass am Ende gar kein Produkt herauskommt, ist hier natürlich deutlich geringer. Außerdem hätte man von einem professionellen Investor leicht voreingenommene Aussagen erwarten können. Es ist also nicht überraschend, dass Kevin Dent, der von Penny Arcade ja zitiert wird, nicht so begeistert von der Kickstarter-Idee zu sein scheint. Offensichtlich hat er sie auch noch nicht ganz verstanden.

 

I think developers need to really treat this as a professional process, treat it like they are coming into my office and pitching me an idea

 

Nein, sie kommen eben nicht “into my office”. Die Entwickler machen zwar eine Art Pitch auf der Kickstarter-Seite (meist incl. Video, Screenshots etc.), aber die Zielgruppe ist eine völlig andere. Das Konzept wird hier eben nicht von gewinnorientierten Publishern begutachtet, sondern von Gamern, Liebhabern, die Leidenschaft, Spaß und ein interessantes Spielkonzept sehen wollen. Dent sieht das verständlicherweise durch die Investorenbrille, doch Kickstarter ist genau dafür da, diese Sichtweise zu umgehen.

 

I want to hear about the cheers and tears. I want to feel like I am watching a reality TV show. Otherwise I can wait until the game hits Gamestop or whatever and buy it then

 

Was? Nein, das will ich nicht! Es ist zwar interessant, dass Schafer das machen will, aber das ist wirklich kein “Must have” oder “Must do”. Die Entwickler sollen sich auf das Spiel konzentrieren. Fargo (und der müsste ja von Dent als “safe bet” angesehen werden) hat sogar engekündigt, dass für Wasteland 2 keine Marketing oder PR Leute angeheuert werden. Die ganze Energie, das ganze gespendete Geld, soll ins Spiel gehen. (jaja, nicht das Ganze, aber möglichst viel)

 

Sicher ist: “Not all Kickstarter projects will succeed. It’s inevitable that some will fail”. Davon ist absolut auszugehen, aber so insgesamt geht der Artikel ein bißchen an der Kickstarter-Idee vorbei, wenn er dem Backer die Investorensichtweise nahelegt. Man ist kein Investor und das muss sich tatsächlich jeder mögliche Backer klar machen. Investoren erwarten Gewinn. Hier geht es “nur” darum, dass Projekte überhaupt erstmal starten können, weil traditionelle Investoren davor zurückscheuen, überhaupt Geld in solche Projekte zu stecken.

Leider werden auch Trittbrettfahrer und Betrüger unvermeidlich sein. Mythic: Gods&Men war das prominenteste Beispiel. Hier sehe ich allerdings auch das Positive an der breiten Öffentlichkeit, die Kickstarter erfahren hat: Das Internet ist verdammt gut darin, solche Leute aufzudecken. Gelingt das vor Ablauf der Zeit und bevor genügend Geld zusammengekommen ist, hat zumindest niemand etwas verloren. Kickstarter zieht das Geld ja erst bei erfolgreichem Funding ein. Eine weitere Sicherheit kann und wird Kickstarter aber nicht leisten.

 

Mit Kickstarter haben wir erstmals die Möglichkeit, Spieleentwickler wirklich unabhängig arbeiten zu lassen. Ohne Druck eines Publishers, ohne Einmischung durch Fremde (selbverständlich auch ohne Einmischung durch die Backer). Mehr noch als bei einem normalen Spielekauf muss sich der “Kunde” allerdings der Risiken bewusst sein, die er mit seiner Spende eingeht und darf dabei dennoch keine weitergehenden Rechte erwarten. Trotzdem ist das eine wirklich großartige Gelegenheit für die gesamte Spieleindustrie und für uns Fans. Wenn damit auch nur halbwegs vernünftig umgegangen wird, erwarte ich mir sehr viel von dem System “Crowdfunding”.

 

Keep on backing,

 

/tehK

 

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