Kermesloch

Ein Teil meines jährlichen Urlaubs besteht immer aus vier Tagen Kirchweih (aka “Kermes”). Wer schon mal da war, weiß: Urlaub – im Sinne von “Erholung” – ist das eigentlich nicht. Der Tagesablauf (als jemand, der nicht selbst mitmacht) war bei mir:

Samstag:
09:00 – 14:00 Autofahrt
16:00 – 18:00 Fußball
19:00 – 04:30: Bardienst

Sonntag + Montag:
09:30 Frühschoppen
13:00 – 18:00 Tanzen, Trinken, Spaß haben
20:00 – 02:00 Tanzen, Trinken, Spaß haben

Dienstag:
09:30 – 19:30 Frühschoppen
20:00 – 02:00 Tanzen, Trinken, Spaß haben

Wer selbst mitmacht, hat ohnehin zwei Wochen lang einen durchgeplanten (deutlich anstrengenderen) Tagesablauf. Dazu kommen je nach Wetterlage irgendwelche spontanen Sachen, wie “Hey, Krischan. Du gehst mit zu uns zum Abendessen!” (großer Dank an Pflanzersch 😉 ), aber ich konnte dann doch sämtliche Leute davon abhalten, nachts noch bei mir Kuchen zu backen. Ich hatte mir ja auch fest vorgenommen, dieses Jahr eine vernünftige, ruhige Kermes. Hat eigentlich sogar relativ gut geklappt. Bis auf Sonntag vielleicht. Und Dienstag. Ahem… Ich schweife ab.

Das Interessante dabei ist, was danach passiert.
Dazu muss ich sagen, dass ich ein sehr sehr selbstreflektierender Mensch bin, der über jedes Gespräch noch einen Monat lang nachdenkt und sich darüber ärgert, nicht etwas anderes gesagt zu haben. Genauso beobachte ich, was nach der Kirchweih jedes Jahr mit mir passiert: Das sogenannte Kermesloch. Nachdem der Körper vier Tage durchgehend unter Storm stand (und ich meine damit nicht nur Alkohol, sondern auch körperliche Anstrengung und Schlafmangel), fällt man kurz in eine Art depressiven Zustand. Als ich 2008 das letzte Mal mitgemacht habe, hielt das, über 2 Wochen an, wenn ich mich recht erinnere. Heute beschränkt sich das immerhin auf zwei bis drei Tage.

So leicht zu verstehen ist das aber gar nicht. Man sollte meinen, dass man sich nach den anstrengenden Tagen – egal, wie viel Spaß sie gemacht haben – dann doch wieder auf ein paar Tage Erholung freut. Aber das passiert überhaupt nicht. Im Gegenteil. Auch, wenn sich das stark nach einem Alkoholproblem anhört – das alleine kann nicht der Grund sein. Wenn ich damals in Würzburg oder hier in der Hansestadt mal betrunken war, hatte ich am nächsten Tag Kopfschmerzen und wollte meine Ruhe. Letzten Montag dagegen bin ich morgens um neun aufgestanden und eine halbe Stunde später zum Frühschoppen gegangen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

Mittlerweile bin ich fest davon überzeugt, dass bei mir die alten Freunde und Kollegen viel ausmachen. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie viel Spaß mir das macht, morgens um halb zehn bei ‘nem Maß die Karten (dt. Blatt, kurze Karte – sic!) auszupacken oder Nachmittags/Abends eine Runde zu tanzen. Und das mit den besten und lustigsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Ich meine, das auch bei anderen Leuten zu sehen, die diesen Zusammenhalt nicht (mehr) haben. Jemand, der früher nicht wegzudenken gewesen wäre, bleibt dann doch nur noch ein oder zwei Tage. Die früheren Freunde haben sich einfach verlaufen, einige sind weggezogen, zu anderen fehlt der Kontakt usw. Bei mir scheint das glücklicherweise (noch?) nicht der Fall zu sein.

Obwohl ich damit glaube, den Grund gefunden zu haben, warum einige Leute (aka ich) “ins Kermesloch fallen” und andere nicht, macht das die Sache für mich nicht einfacher. Ich habe genau diesen Freundeskreis in den letzten zwei Jahren sträflich vernachlässigt. Gut, die Entfernung ist groß; ich kann nicht mehr so oft nach Hause fahren, wie früher. Aber leider habe ich’s auch nicht geschafft, zu einigen wichtigeren Events zu erscheinen.

Ich kann nicht in Worten ausdrücken, wie Leid mir das tut. Allerdings weiß ich auch nicht, was ich hätte anders machen können – ich befürchte, das ist der Preis, den man zahlt, wenn man zu weit weggeht und im normalen Alltag ein Leben führt, das im guten, alten E-Dorf dann doch eher aneckt 1 Mir bleibt nur, zu hoffen, dass meine alten Freunde das zumindest verstehen und mich, wenn ich doch mal den Weg nach Hause finde, weiter so gut behandeln.

Ich bin am Donnerstag nur sehr widerwillig abgereist und auch nur, weil meine Taskliste für meine zwei Urlaubswochen wirklich voll war. Mein Kermesloch ist mittlerweile aber dann doch vorbei. Zeit, sich wieder um die Taskliste zu kümmern.

 

Servus,

 

Krischan

 

Notes:

  1. Ich kann ja den meisten Leuten im Dorf nicht mal erklären, was ich arbeite – geschweige denn warum.